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Mittwoch, August 09, 2006 

Unter Verbrechern - Tobias O. Meißner liest aus "Traumtänzer"


Sehen so Verbrecher aus? Hornbebrillte Männer jenseits der 30 in ausgebleichten Hemden, junge Rollenspieler mit langen Haaren in übergroßen T-Shirts mit Fantasy-Art-Motiven, einige wenige gutaussehende Damen, die sich an ihre Zigaretten klammern als würde es ihnen gleich verboten, alleinstehende ältere Herren mit wenig Haaren aber großen Ohren, um das zu hören, was hier gleich vorgetragen werden soll.
Wenn es sich bei dieser Ansammlung von vielleicht 50 Gestalten wirklich um Verbrecher handeln sollte, dann lieben auch Gesetzesbrecher die Gemütlichkeit. Die gut zwei Dutzend Tische sind liebevoll mit Edelbitterschokolade, Lakritze und Fruchtgummis dekoriert. Zahlreiche Kerzen illuminieren den Raum, der sich zusehends füllt. Aus dem Hintergrund rumpelt leise Garagenrock aus den Boxen. Das diffuse Licht scheint sich von Minute zu Minute wie von selbst langsam runterzudimmen. Es wird viel geraucht an diesem Abend.
Wir befinden uns im Kreuzberger Festaal, der diesmal Schauplatz der "Verbrecherversammlung" ist, auf der der Berliner Autor Tobias O. Meißner aus seinem neuen Buch "Hiobs Spiel - Traumtänzer" liest.
Bevor es endlich soweit ist spaziert TOM von Tisch zu Tisch, um einige bekannte Gesichter zu begrüßen. Der ganz in schwarz gekleidete Schöpfer des fast schon unverschämt größenwahnsinnig zu nennenden, auf 50 Jahre angelegten Romanzyklus' um den Großstadtmagier Hiob und sein Spiel gegen den Teufel, erklimmt pünktlich um 21 Uhr die kleine Bühne und fast ohne lange, einführende Worte oder Erklärungen geht es los. Er liest "Veidts Tanz", das dritte Kapitel seines Romans, in dem ein junger Türke im Traum seine Seele verliert, indem er in die Fänge einer Inkarnation des Cesare aus "Das Cabinett des Dr. Caligari" geräht. Hiob muss ihn befreien.
Die Zuhörer lauschen konzentriert der aberwitzigen Episode. Meißner liest mit ruhiger, betonter Stimme. Die geballte Wucht des ganzen arkanischen Kosmos', angereichert mit viel Blut und anderen Körperflüssigkeiten breitet sich nun vor dem Publikum aus. Die Abenteuer des Magiers Hiob sind dabei gespickt mit unzähligen film- und popkulturellen Zitaten, die es dem Leser zwar nicht immer einfach machen, aber den Roman in eine wahre Fundgrube für Cineasten, Okkultisten und Horrorfans verwandelt. Der Eklektizismussplatter, der dort betrieben wird ist außergewöhnlich.

Der Applaus am Ende der Lesung ist ehrlich und langanhaltend. Nach eingen vereinzelten kurzen Gesprächen mit Bekannten und Verehrern, ist es nun an einigen Damen, sich kichernd ihr Autogramm zu holen. Die "Verbrecherversammlung" geht damit zu Ende.
Bevor TOM zu lesen begann, sagte er, dass sich der Mythos von Hiobs Spiel wohl eher durch Hörensagen und Mundpropaganda verbreiten werde. Das wäre zu wünschen.
Der nächste, der dritte Band wird wohl nicht vor 2010 erscheinen. Eine lange Zeit. Und dann wird es wieder eine Versammlung geben.

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