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Dienstag, Juni 27, 2006 

Fischers letzter Gig


"Hesse sein heißt: Gefährlich leben wollen zu müssen"
(Matthias Beltz)

Den letzten Auftritt in einer der ungewöhnlichsten Karrieren der deutschen Politik gibt es nur unplugged. Joseph Martin Fischer, oder besser: MC Joschka verabschiedet sich heute auf der letzten Grünen Fraktionssitzung vor der Sommerpause aus der deutschen Bundespolitik. Viel von ihm war in den letzten Monaten sowieso nicht mehr zu hören gewesen. Von daher passt es auch ganz gut, dass der "letzte Rock'n'Roller der Politik" für seinen Abgang den Bühnenausgang nimmt, hinten raus, still und leise.

Fast 25 Jahre auf Tour. Er spielte sich nach oben. Nach ganz oben. Vom Frankfurter Straßenmusikanten zum weltweiten Stadionrocker. Der Rekord steht und wird wohl so schnell nicht einzustellen sein. Also ab in die 'Hall of Fame'.
Oder etwa nicht?
Häuserkampf, APO-Fighter, Präsidentenarschloch, Turnschuh-Minister, Farbbeutel, Marathonmann, Visa-Affäre, Leo-Baeck-Preis und und und. Die Liste ließe sich problemlos weiterführen. Aber darum geht es nicht.
Denkt man an Fischer zurück, bleibt mir zumindest ein konkreter Moment im Gedächtnis hängen. Es war der Augenblick, in dem er vor ausverkauftem Hause bewies, dass er wirklich ein echter Rock'n'Roller der Weltpolitik ist. Kein Playback. Nein, alles echt, ungeprobt, ein echter Fischer-Core eben.:

Anfang Februar 2003, München.
Seit Monaten reduzieren sich alle Themen in den Medien auf eine einzige Zahl: 1441. Innenpolitik hat kapituliert, dafür laufen Sitzungen des UN-Sicherheitsrats live auf Phoenix. Anders gesagt: Die ganze Welt beobachtet das Duell zwischen George W. Bush und seiner Nemesis Saddam Hussein. Die ganze westliche Welt und ein bisschen mehr wartet nur darauf, wann die USA und ihre Willigen tatsächlich losschlagen.
Der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld jettet seit Wochen durch die Hauptstädte des Planeten und trommelt seine Buddies zusammen. Rumfsfelds Ego misst in diesen Tagen das Ausmaß eines leibhaftigen Terminators. Er weiß, dass sein Präsident den dicksten Colt von allen hat. Egal wo, egal wie, egal warum. In jedes Mikrofon, das sich ihm in den Weg stellt, bellt er seine zwei Standards: "war on terror" und "weapons of mass destruction". Aus. Fertig. Rums. Feld.

Und ausgerechnet in dieser brodelnden Atmosphäre findet in München das alljährliche "Military-Festival" statt. Gut sechs Wochen bevor die ersten Bomben auf Bagdad den Krieg quasi "offiziell" eröffnen, kommt es dort zum ultimativen Showdown zwischen Fischer und Rumfsfeld. Putztruppe gegen Hardcore-Rep.

Fischer setzt zum Solo an. Kurzer Blickkontakt zu Rumsy and dann *Pow*: "Excuse me, I am not convinced"! Direkt vor den Bug. Dieser Satz drückt exakt aus, was die große Mehrheit in Deutschland denkt: 'Zwar wäre man den Diktator Hussein schon ganz gerne irgendwie los, aber dieses ständig wiederholte Märchen von den Massenvernichtungswaffen ist einfach nicht überzeugend, sorry!'
Egal wie man zum Irakkrieg stehen mag. Damals wie heute. Vor versammelter Runde hoher internationaler Militärs und Diplomaten dem amerikanischen Verteidigungsminister in's Gesicht zu sagen, dass man seine Kriegsstratgie und Beweggründe für schlicht wahnwitzig hält und deswegen ablehnt, zeugt von unglaublicher Chuzpe und Überzeugung.

Die Bomben und Raketen, die wenige Wochen später im März 2003 auf den Irak niedergingen, konnte Fischer mit seinem Münchner Auftritt nicht verhindern. Aber er hat Farbe bekannt. Direkt und live. Mehr nicht. Dafür danke!
Alles was danach kam, traf nicht mehr vollständig den Sound der Zeit. Deswegen ist es gut, dass er jetzt die Politrockbühne verlässt und das macht, was alle großen Entertainer zum Ende ihrer aktiven Karriere hin machen, sie gehen nach Las Vegas und spielen in Casinos die ewig gleichen Lieder. Fischers Las Vegas liegt ab sofort in Princeton.
Erstmal. Comeback ausgeschlossen.

A little less conversation, a little more action please!

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