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Mittwoch, Mai 31, 2006 

Disko und Diskurs - Die CDU MediaNight 2006



Auch noch zu fortgeschrittener Stunde weiß Ronald Pofalla, der CDU-General, wie er seine Kanzlerin gut ins Bild zu rücken hat. Bevor die Fotografen ihre Bilder von der Kanzlerin am Stehtisch vor der Bühne im Konrad-Adenauer-Haus machen, räumt er noch schnell störende Weingläser und Aschenbecher aus dem Weg. Kanzlerin Merkel smalltalked währenddessen vergnügt mit Annette Schavan. Nur drei Meter entfernt von ihnen versucht Ex-No Angel Sandy, die noch etwas träge Zuhörerschaft in Stimmung zu bringen. Der Applaus für ihre Songs fällt jedoch nur freundlich aus. Keine Frage, ein Auftritt bei "Top of the Pops" sieht anders aus. Aber halt, wo sind wir hier eigentlich. Ach ja, Dienstagabend auf der CDU MediaNight 2006, nach eigener Auskunft der Veranstalter "ein zentrales Medienereignis für Berlin und darüber hinaus für ganz Deutschland". Es ist mittlerweile kurz vor 23 Uhr und Sandy setzt gerade zu ihrer neuen Single "Crash", einer Coverversion der 80's Britpopper "The Primitives", an. Die Kanzlerin wird den Song sicherlich noch durch die Flure hallen hören, gesehen hat sie aber anscheinend genug vom musikalischen Hauptact des Abends. Sie zieht sich mit ihrer Entourage zurück. Wahrscheinlich möchte sie einfach mal Feierabend machen.

Fast fünf Stunden vorher eröffnete Ronald Pofalla die Veranstaltung, verwies dabei auf die mittlerweile entstandene Tradition der MediaNight, und betonte ausdrücklich das große Interesse an diesem Abend, "800 Anmeldungen in nur drei Tagen und ich denke im Laufe des Abends werden wir bis zu 2000 Gäste hier begrüßen dürfen". Er sollte Recht behalten.
Bevor sich aber die Massen der Berliner Politik- und Medienszene auf das riesige Büfett stürzen können, geht es erstmal inhaltlich zur Sache. Schließlich ist man ja nicht nur zum Vergnügen hier. Vier Panel mit verschiedenen Themen warteten auf interessierte Zuhörer:

Panel 1: Die deutsche Zeitungslandschaft im Wandel - welche Formate haben Zukunft?

Panel 2: Die Verantwortung der Medien in einer globalisierten Welt.

Panel 3: Medienereignis FIFA Fußball WM 2006 - Möglichkeiten und Grenzen der Berichterstattung.

Panel 4: 'Jugend musiziert' vs. 'Deutschland sucht den Superstar' - wie geht es weiter mit der Musik in Deutschland?

Ich selbst entschied mich für die "Verantwortung der Medien". Teilnehmer waren Bernd Neumann (Staatminister für Kultur), Christoph Lanz (Direktor Deutsche Welle TV), Jörg Trouvain (Geschäftsführer Electronic Arts), Claus Strunz (Chefredakteur der BamS). Die Moderation lag bei Peter Limbourg (Chefredakteur N24).
Am Anfang der Diskussion stand erstmal das Bekenntnis von Claus Strunz, dass Bild (und manchmal auch BamS) "hin und wieder Kampagnenjournalismus machen". Gut, soviel wussten die Zuhörer schon. Dass dauerhafter und reiner Kampagnenjournalismus "marktwirtschaftlich abgestraft werden würde" leuchtete auch noch ein. Dass jedoch Kampagnenjournlismus "Bestandteil eines verantwortlichen Journalismus sei", sorgte gleich zu Beginn für ein wenig Verwunderung. In der Folge entbrannte dann auch ein launiger Streit zwischen dem BamS-Chef und dem Kultur-Staatsminister um Anspruch und Wirklichkeit in der Berichterstattung über Politiker im deutschen Boulevard. Weitere Themen waren natürlich der jüngste Karikaturenstreit, wobei Christoph Lanz der Spagat gelang, den Nachdruck der provokanten Bilder durch deutsche Tageszeitungen als "pubertär" zu geißeln, und gleichzeitig die mediale Aufregung um Popetown verlogen und übertrieben zu finden. Am Ende landete man aber wieder schnell beim Thema Boulevard, genauer gesagt beim "Persönlichkeitsschutz und die Medien". Strunz beklagte einmal mehr das Caroline-Urteil des EuGH und kam zu der gewagten Behauptung, dass in der aktuellen Auseinandersetzung um die Hochzeit von Günther Jauch, die Medien ein natürliches Recht an einer Bildberichterstattung hätten. Für Heiterkeit im Publikum sorgte dabei vor allem seine Behauptung, dass, hätte Jauch seine Hochzeit mit seinen Gästen auf einem Landhaus auf Mallorca gefeiert, sicherlich deutsche Journalisten keinen Hubschrauber mieten würden um von diesem Ereignis Bilder zu schießen. Nun gut.

Am Ende der Diskussion blieben den Zuhörern wenigstens eine Erkenntnis und ein Versprechen. Erstens muss Medienverantwortung in unserer Gesellschaft durch individuelle Medienkompetenz ergänzt werden, vermittelt vor allem durch Eltern und Lehrer (Lanz) und zweitens haben Hohenzollernprinz Foffi und Busenwitwe Gsell aufgrund mangelnden Niveaus Auftrittsverbot in der BamS (Strunz). Zumindest hinter letzterem bleibt ein kleines Fragezeichen.

Wer nach dieser geballten Diskussionsrunde schon auf das Büfett hoffte, der musste jedoch noch weiter ausharren, denn nach den Paneldiskussionen kam noch der eigentliche inhaltliche Höhepunkt des Abends. Nach einer kurzen Begrüßungsrede durch Angela Merkel betratt nämlich nun im Hauptfoyer Prof. Hubert Burda das Podium. In seinem 30minütigen Vortrag unter dem Titel "Medien und Innovation" entwarf der Verleger und Medienprofi einige höchst interessante Visionen für die kommende globale Medienlandschaft. Dabei verwies er auf die bevorstehende Medienrevolution in Sachen IP-TV, die zu einer ungeahnten Vielfalt in der Medienlandschaft führen werde, ohne die noch bestehenden Probleme bei der Abrechnung für solche Inhalte auszusparen (ein Problem, dem sich vor allem die öffentl.-rechtl. Medien noch gar nicht gestellt hätten). In diesem Zusammenhang appellierte er auch gleich an die Kanzlerin dafür zu sorgen, dass Deutschland seinen Mittelfeldplatz in der Breitbandversorgung des Internets so schnell wie möglich in einen Spitzenplatz verwandeln müsse. Den anwesenden Politikern und Medienleuten empfahl er einen genaueren Blick auf Internetentwicklungen wie flickr und MySpace zu werfen. Schließlich würden hier die wichtigsten Innovationen im Umgang mit dem Internet zu beobachten sein. Außerdem verriet er den Anwesenden, welche Seite er für den momentan wichtigsten Meinungsführer in Fragen der Politik, Gesellschaft und Medienentwicklung halte, nämlich instapundit.com.
Zum Thema Blogs gab Burda zu bedenken, dass diese Form der Gegenöffentlichkeit noch nicht vollständig im Bewusstsein der Politiker in Deutschland angekommen sei. In Zukunft sei ein Wahlkampf ohne die Berücksichtigung der Blogger-Szene nicht mehr denkbar.

Jenseits seiner ziemlich konkreten Ausführungen zu moderner Internet- und Medienrealität formulierte Burda abschließend noch einen Vorwurf an seine eigene Generation. In Deutschland sei die Kapitalismuskritik der 68'er immer mit einer ausgesprochenen Technologiefeindlichkeit verbunden gewesen. Dieser Umstand habe in diesem Land nachhaltig die Innovationsfähigkeit der Medien und Wirtschaft behindert. Ganz anders in den USA. Dort habe die Hippiekultur der 70'er in Gegenden wie San Francisco langfristig den Wissens- und Technologievorsprung befördert. Ehemalige Garagenfirmen wie Microsoft oder Apple und das heutige Silicon Valley seien der beste Beweis dafür.
Von dieser Entwicklung ausgehend verwies er auf eine neue Bewegung in den USA, die Neogreens: pro Umwelt, pro Technik aber gegen Erderwärmung. Dies sei auch das neue Credo der amerikanischen Wirtschaft und dahin fließe das gesamte Venturekapital in Milliardenhöhe. Die Anwesenden Politiker und Medienexperten werden diesen Wink aufmerksam verfolgt haben.

Zurück zu Sandy. Diese spielt gerade eine letzte Zugabe und der DJ legt sich schon mal die obligatorischen Partyhits für so eine Veranstaltung zurecht, ein bisschen Kool and the Gang, ein bisschen Madonna, ein bisschen Shakira. Ja, zu so was tanzen CDU-Abgeordnete gerne. Der größte Teil der Besucher vertreibt sich jedoch die Zeit im Wintergarten, der als Rundgang im Obergeschoss des Konrad-Adenauer-Hauses angelegt ist. Hier herrscht der Sponsorenwahnsinn. Es gibt alles und vor allem noch mehr. Neben den verschiedensten Büfettvarianten kämpfen sich McDonalds-Hostessen durch das Gedränge und verteilen Muffins, Salate und Obsttüten. Reemtsma-Damen bringen Zigaretten unters Volk und beim Stand von Darboven gibt es feinsten Kaffee in allen Variationen. Ungeschlagene Hauptattraktion in diesem berauschenden Konsumparcours ist allerdings die Fußball-Torwand. Jeder hat sechs Schüsse frei. Einmal treffen und es gibt eine ARD-Mütze. Viermal treffen und man bekommt einen Fußball. Alle anderen müssen sich mit einem lachenden Mainzelmännchen-Anstecker trösten. Die Kanzlerin hat übrigens nicht geschossen.

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